Stolz macht, was Überwindung kostet

7. Juni 2017 | Gedankenkarussell | 2 Gedankengänge

Nach dem Zahnarzt ist vor dem Einwohnermeldeamt, und vor dem Einwohnermeldeamt ist ein Zwischenstop beim Bäcker, wo zufälligerweise hübsche Blümchen blühen, damit ich mein wohlverdientes Schokocroissant schnabulieren kann, und zwar genau jetzt, während ich diesen Text schreibe. Mittlerweile bin ich wieder zuhause, und kann voller Stolz sagen: Wurzelbehandlung abgeschlossen. Und ich kann voller Scham sagen: Schiebt Ärztetermine nicht auf, ihr macht die Situation nur schlimmer.

Wäre ich mit meinem abgebrochenen Zahn direkt Ende letzten Jahres zum Zahnarzt gegangen, nämlich dann, als es passiert ist, wäre mir die Wurzelbehandlung vermutlich erspart geblieben. Dann hätte ich während der vorletzten Sitzung nicht so arg gezittert, dass ich drei Tage danach fiesen Muskelkater in den Waden hatte. Aber vielleicht ist das eine Erfahrung, die man gemacht haben muss, um zu begreifen, dass Ärzte eigentlich auch nur Menschen sind, die helfen wollen. Menschen, bei denen ein Besuch nie angenehm ist, und die zwar kurzzeitig Schmerzen verursachen könnten, aber die in erster Linie Ärzte sind, um diese zu nehmen. Und das sag ich beim besten Willen nicht, um euch zu bevormunden. Ich sag, beziehungsweise schreibe es viel mehr, um es selbst zu verinnerlichen. Um mich nicht nur für den Moment daran zu erinnern, dass dem so ist, sondern, um es immer wieder nachlesen zu können. Vorzugsweise vor dem nächsten Arzttermin, ganz egal welcher Art.

Keine Frage, ich mit meiner Ärzteangst werde mich auch beim nächsten Mal wieder überwinden, und bis an meine Grenzen, und darüber hinaus gehen müssen. Aber zumindest zum Zahnarzt werd ich vermutlich auch weiterhin zwei meiner Kuscheltiere mitnehmen, um mich an ihnen festzukrallen, und um mich zumindest im Ansatz wohl zu fühlen. Einfach aus dem Grund, weil sie mir vertraut sind, und weil sie irgendwo ein Stück Zuhause sind, welches ich in meine Tasche stopfen, und mitschleppen kann. Und ich werde auch weiterhin Zeug zum Kritzeln, ein Buch, ein Sudokuheft, mein Körnerkissen, eine Kette die mir der Lieblingsmann schenkte, und Wasser mitnehmen, wenn ein Arzttermin ansteht. Einfach um es dabei zu haben, wenn mir danach ist. Oft ist das nicht der Fall, aber ich hab’s dabei. Mein Zuhause passt, abgesehen vom Lieblingsmann, in meine Handtasche. Nicht ohne Probleme, zumal der Kopf meines Esels immer rausguckt, und die Tasche damit nicht zu geht, aber es passt. Außerdem ist alles erlaubt, was derartige Situationen irgendwie erträglicher macht, und abgesehen davon, sind es vor allem die Dinge, die Überwindung gekostet haben, die am Ende eines Tages stolz machen.

Eins noch, auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass einer der Personen meinen Blog liest, aber: Noch nie ‘ne erwachsene Frau mit Esel im Arm gesehen, die sich in den Handrücken beißt, um irgendwie die Autofahrt zu überstehen? Ihr könnt so doof gucken wie ihr wollt, es wird mich nicht davon abhalten, Teile meines Zuhauses mitzuschleppen, egal wo ich hingehe. Und es wird mich auch nicht davon abhalten, mich über euer dummes, ungläubiges Lächeln zu freuen, anstatt mich darüber zu ärgern. Ihr solltet öfter lächeln, wenn auch aus anderen Gründen, es steht euch!

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2 Gedankengänge

  • Antworten Aileen 7. Juni 2017 um 13:02

    Diese Angst vor Ärzten kann ich auf der Stelle unterschreiben! Ich hatte eine ähnliche Situation vor knapp 8 Wochen vor mir, denn ich habe eingewachsene Zehennägel und daraus resultierende Entzündungen fast ein Jahr mit mir rum geschleppt, bis ich mich endlich zu einer medizinischen Fußpflege getraut habe. Heute ist mir das Aufschieben irgendwie doch ein wenig peinlich, das muss ich leider ehrlich zugeben und hätte ich mir sofort Hilfe geholt, hätte ich die letzten 8 Wochen nicht jede Woche wirklich ganz furchtbare Schmerzen ertragen müssen 🙁 Aber mittlerweile geht es meinen Füßen wieder gut! Montag habe ich wieder einen Termin und schon jetzt pocht mir das Herz bis zum Hals! Ich nehme aber auch immer eine Wasserflasche mit und ein paar Bonbons, da ich die ersten Male ein wenig Probleme mit dem Kreislauf hatte & irgendwie geben mir diese Gegenstände ein wenig Halt 🙂

    Ich kann deine Ängste wirklich sehr gut nachvollziehen! Und es ist toll, dass du dein zu Hause in deine Tasche packen und dich daran festhalten kannst 🙂

    Liebst, Aileen

    • Antworten Laura Lehmann 7. Juni 2017 um 14:11

      Immer wenn ich von eingewachsenen Zehnägeln höre, muss ich an meine Kindheit denken, in der ich wohl mal bei einem Arztbesuch meiner Mama dabei war, der einer gezogen wurde. Stumpf wie man als Kind nun mal ist, fragte ich sie, ob das wehtut. Sie zischte nur mit verzogenem Gesicht und schüttelndem Kopf ein “Nein” hervor, da sie sich dachte, dass es sicherlich nicht förderlich für Arzttermine ist, die ich wahrnehmen muss, wenn sie die Wahrheit sagt. Immer wenn die Story auf den Tisch kommt, muss ich laut auflachen, weil Mama es einfach drauf hat, mich mit Storys aus meiner Kindheit zu natzen.

      Jedenfalls kann ich deine Kreislaufprobleme nur zu gut verstehen. Heute hatte ich das Gefühl, beide Beine wären mir eingeschlafen, und jeder Schritt kribbelte widerlich. War mir allerdings lieber, als zittige Beine, mit denen ich mich beim vorletzten Mal zum Zahnarzt schleppen musste. Aber um nochmal auf Zehnägel zurück zu kommen (herrje, das ist wohl auch ‘nen Thema, was man sonst unter den Teppich kehrt): Ich hab seit ich denken kann furchtbar hässliche, kleine Zehen, und muss selbige mittlerweile immer äußerst kompliziert (manchmal auch schmerzhaft) schneiden, damit der Druckschmerz wegfällt, der mich sonst beim Gehen fast in den Wahnsinn treibt. Aber, ich will mich mal nicht beschweren. Lieber so, als mir diese ziehen zu lassen. Auch wenn die Medizin heutzutage sehr viel weiter ist als zu der Zeit, in der meine Mama wegen eines eingewachsenen Zehnagels in Behandlung war, will ich mir nun wirklich nicht vorstellen müssen, wie sich das anfühlt.

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