Das Ableben, Entscheidungen und Machtlosigkeit

5. September 2016 | Gedankenkarussell | 4 Gedankengänge

Ich will nicht hier sitzen, meine Gedanken kreisen lassen und diesen Text verfassen. Ich will mir keine Gedanken um den Tod machen müssen, und doch bleibt mir nichts anderes übrig. Der Tod gehört zu den Themen, die jeden von uns interessieren sollten, und doch wird am liebsten darüber geschwiegen. »Warum soll ich mir Gedanken über den Tod machen, ich bin doch gesund?« gehört wohl zu der Art Gedanken, die wir immer denken. Eine Patientenverfügung zu erstellen, halten wir solange für unnötig, bis es zu spät ist. Den eigenen, letzten Willen zu Papier zu bringen, genauso.

Ich kannte mal eine Frau, die noch zu Lebzeiten, ihre eigene Beerdigung geplant und bezahlt hat. Alle, meine Wenigkeit eingeschlossen, haben sie für vollkommen verrückt gehalten und Sätze wie »Du spinnst doch. Kümmere dich lieber um das Hier und Jetzt.« vom Stapel gelassen. Heute und nach dem Ableben von Waltraud weiß ich, dass sie gar nicht so verrückt war, wie wir geglaubt haben. Im Gegenteil, diesbezüglich hat sie alles richtig gemacht. Warum ich dieser Meinung bin? Lasst es mich kurz, anhand von Waltraud und unserer aktuellen Situation erklären.

Nach einem fiesen Sturz ist Waltraud am 17’ten August, wegen eines Oberschenkelhalsbruchs ins Krankenhaus gekommen. Meine Mama, mein Bruder und ich, waren der festen Überzeugung, dass das alles schon wieder werden wird, wenn wir ihr und ihrem Körper ein wenig Zeit lassen. Von wegen! Nichts wurde wieder so, wie es vorher war – das Leben hat uns eines Besseren belehrt. Nach dem Mittagessen des 18’ten Augusts, wurde Waltraud bewusstlos im Zimmer aufgefunden; ich erspare euch und mir an dieser Stelle weitere, beängstigende Details! Sie wurde jedenfalls nach einer Reanimation auf die Intensivstation verlegt und an Beatmungs- und Ernährungsschläuche angeschlossen. Relativ schnell und schon vor weiteren, neurologischen Untersuchungen wurde klar, dass sie das Krankenhaus nicht lebend verlassen wird. Die Entscheidung aber, was schlussendlich mit Waltraud passiert, nahm uns niemand ab. Wir sind im rechtlichen Sinne zwar keine Angehörigen, meine Mama aber war es, die fast täglich an ihrem Krankenhausbett stand, während sich ihre Geschwister schön aus der Affäre gezogen haben. Es war die Entscheidung meiner Mama, Waltraud gehen zu lassen. Ob es in Waltrauds Interesse war, dass sie es entschieden hat? Wir werden es nie erfahren. Uns aber war von vornherein klar, dass Waltraud nicht gewollt hätte, dass sie mit lebenserhaltenden Maßnahmen vor sich hin vegetiert. Mit ihr wäre nichts mehr anzufangen gewesen und so ist uns bewusst, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben; auch wenn es ein komisches Gefühl war.

Was aber wäre gewesen, wenn wir uns nicht soweit mit den Angehörigen einig geworden wären, wenn sie sich das Recht rausgenommen hätten, die Entscheidung zu treffen – was gewiss nicht in Waltrauds Willen gewesen wäre? Es bestand jahrelang kein Kontakt und das Verhältnis zwischen ihnen, war aus Gründen zerrüttet. Was ich eigentlich damit sagen will? Dass es sinnvoll ist, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, bevor man in einer Situation ist, in der man nicht mehr selbst entscheiden kann, was im Fall der Fälle passieren soll. Versteht mich bitte nicht falsch, es ist in keinster Weise einfach sich damit auseinanderzusetzen, aber es ist nötig. Das Ableben von Waltraud hat mir abermals gezeigt, dass der Tod in den meisten Fällen unerwartet kommt und es unheimlich wichtig ist, den eigenen, letzten Willen zu Papier gebracht zu haben. Waltraud hat das nicht, ebenso wenig hat sie sich um eine Patientenverfügung oder eine Kontoverfügung gekümmert. Wir, diejenigen die ihr nahe standen, müssen nun mit ansehen, wie Dinge passieren, die weder ihr vor fünf Jahren verstorbener Mann, noch sie gewollt hätten.

Nach dem Ableben von Waltrauds Mann im Jahre 2011, ging seine Haushälfte an sie. Jetzt, nach dem Ableben von Waltraud selbst, geht die Haushälfte ihres Mannes, an seine Geschwister, und die von Waltraud an ihre. Noch zu Lebzeiten von Rolf wäre es unheimlich wichtig gewesen, ein Testament beim Notar hinterlegt zu haben, um die Situation die sich aktuell abspielt, zu vermeiden. Wir sind machtlos, können nur kopfschüttelnd zusehen, wie sich die Geschwister verhalten, müssen Entscheidungen treffen und haben dennoch rechtlich keinerlei Handhabe. Ich bitte euch also inständig, euch mal Gedanken darum zu machen. Ihr tut euch selbst und den Hinterbliebenen bei eurem Ableben gewiss keinen Gefallen, wenn ihr es immer vor euch herschiebt, entsprechende Dinge in die Wege zu leiten. Eines Tages ist es zu spät und eines Tages kann schneller kommen, als uns allen lieb ist!

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4 Gedankengänge

  • Antworten nofxckingtears 5. September 2016 um 12:58

    Ein interessantes und schwieriges Thema…
    Ich habe seit 3 Jahren eine Patientenverfügung und meine Mutter hat mir vor vielen Jahren eine Vollmacht für ihr Bankkonto im Falle ihres Ablebens übertragen.
    Der Tod eines geliebten Menschen ist schwer. Noch schwerer, wenn nicht vorgesorgt wurde. Daher bin ich ganz bei dir und deinen Worten.
    Die Situation, die ihr gerade durchmachen müsst, ist bestimmt nicht einfach. Zu erleben, wie Dinge geschehen, die die verstorbene Person so gewiss nicht gewollt hätte, ohne eine rechtl. Handhabe… und dazu noch die Trauer um Waldtraud, die so überraschend gehen musste.
    Ich wünsche euch viel Kraft!
    Deine nofxckingtears (die an dich denkt)

    • Antworten Laura Lehmann 6. September 2016 um 12:22

      Meine Liebe, hab vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und deine lieben Worte. Ich finde nach wie vor, dass das Thema unheimlich vielseitig und aus verschiedenen Gründen schwierig ist, aber nichtsdestotrotz bin ich froh, diesen Artikel geschrieben und veröffentlicht zu haben und auf Menschen zu treffen, die das ähnlich sehen.

      Uns steht demnächst noch der Gang zur Bank bevor und wenn ich ehrlich bin hab ich Angst davor, dem Tod damit zu vermitteln, dass alles in die Wege geleitet wurde und er jetzt kommen kann … Das Schicksal, das Karma, oder wie auch immer man es nennen möchte, meint es nämlich leider in den seltensten Fällen gut mit mir.

  • Antworten Ulrike 5. September 2016 um 13:00

    Hallo Laura,
    es tut mir leid, dass Du solche Erfahrungen machen musstest. Bei mir und meinen Verwandten ist es ganz normal, ein Testament zu machen und eine Patientenverfügung zu haben. Wir haben in unserer Familie leider den Streit ums Erbe meines Großvaters erleben müssen. Das ist gräßlich!
    Ich habe auch schon mein sog. Internet-Testament gemacht, in dem ich Passwörter usw. hinterlegt habe, damit jemand eine kurze Meldung auf Facebook und auf meinem Blog veröffentlichen kann und ich nicht sang- und klanglos für viele Menschen einfach verschwinde.
    Das Sterben gehört zum Leben dazu. Das sollte man nicht verdrängen.
    Alles Gute
    Ulrike

    • Antworten Laura Lehmann 6. September 2016 um 12:28

      Liebe Ulrike, hab vielen Dank für deinen Kommentar und dein Mitgefühl. Dass es ein sogenanntes Internet-Testament gibt, hab ich noch gar nicht gewusst und gehört für mich damit zu den Dingen, die ich zeitnah in die Wege leiten werde.

      Auch wenn der Tod jederzeit jeden treffen kann, so glaube ich doch, dass in erster Linie ältere Menschen mit einem Testament und derartigem vorsorgen und sich kümmern sollten. Mir ist nämlich durchaus aufgefallen, dass es der jüngeren Generation nicht zwingend schwer fällt, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, während ältere Menschen das Auseinandersetzen mit diesem Thema immer wieder aufschieben.

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